Das Kapital
Blue Chips & Masterpieces

21. April – 26. August 2007

All Tomorrow’s Parties, 2007

Carl Ostendarp

Wandmalerei Featuring: Roy Lichtenstein, James Rosenquist, Bob Stanley, Andy Warhol, Tom Wesselmann & Sturtevant MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main Courtesy of the artist

Bild 16 Kopie
Germany is Connecticut, 1989

Jessica Diamond

MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

„Wenn ich will, dass der Dom versetzt wird, macht das der Rolf“, so sagte einst der Künstler Richard Serra über seinen Kölner Galeristen und Sammler Rolf Ricke. Unter dem Titel Das Kapital – Blue Chips & Masterpieces präsentiert das MMK Museum für Moderne Kunst jetzt erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Rolf Ricke zusammen mit anderen Schätzen des Museums von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt hierfür ist der gemeinsame Erwerb dieser bedeutenden Sammlung in einer grenzüberschreitenden und bisher einzigartigen Zusammenarbeit dreier Museen: dem MMK und den Kunstmuseen in St. Gallen, Schweiz, und Vaduz, Liechtenstein.

Schon der Grundstock des MMK verdankte sich Teilen einer umfangreichen Privatsammlung. 1981 erwarb die Stadt Frankfurt am Main zur Gründung ihres Museums für moderne und zeitgenössische Kunst hochkarätige Werke europäischer und amerikanischer Künstler, insbesondere der Pop Art, aus der ehemaligen Sammlung von Karl Ströher. Mit dem aktuellen Ankauf der Sammlung Ricke werden die Bestände des MMK nun fundamental erweitert und der Rang des Museums im internationalen Vergleich langfristig gefestigt.

Die Besonderheit der Sammlung Ricke liegt darin, dass sie nicht aus dem Prinzip des rückwärtsgewandten kunsthistorischen Sortierens erwachsen ist, sondern aus direktem Miterleben und aktiver Anteilnahme. Sie dokumentiert in ihren Schwerpunkten eine Ästhetik, aus der heraus sich seit den 1960er Jahren bis heute geltende künstlerische Haltungen entfalten. Die Sammlung Ricke umfasst Werke von so wegweisenden Künstlern wie Richard Artschwager, Dan Flavin, Donald Judd, Richard Serra und Keith Sonnier, sie ermöglicht faszinierende Wiederentdeckungen von Künstlern wie Joe Baer, Gary Kuehn, Barry Le Va und Lee Lozano, und sie bietet zugleich eine Reihe jüngerer Positionen der 1990er Jahre von Fabian Marcaccio über Cady Noland und Steven Parrino bis David Reed.

Kunst und Kommerz lassen sich gegenwärtig nur noch schwerlich trennen. Die Bewertung von Künstlern und ihren Werken bewegt sich zwischen den Einschätzungen des Kunstmarktes mit seinen „Standardwerten“ und dem musealen Anspruch auf Qualität und sammlungspolitischer Relevanz. „Blue Chips“ und „Masterpieces“ sind die Begriffe, die diese beiden Positionen prägnant beschreiben – der materielle Wert auf der einen, die qualitative Wertigkeit auf der anderen Seite. Ob ein künstlerisches „Meisterwerk“ auch ein „Blue Chip“ ist erweist sich oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Dass beides nicht deckungsgleich sein muss, aber sein kann, davon zeugen viele der nun gezeigten Neuerwerbungen und Werke aus unserem Bestand. Ihre Qualität liegt vor allen Dingen in dem Utopistischen der Kunst, in der Möglichkeit, die sie schafft, Neues zu denken, und in ihrem Vermögen aufzurütteln, gerade in ihrer Ungebundenheit an Form und Regeln.

Gerhard Richters Alpen beispielsweise gelten als ein frühes Meisterwerk des Künstlers und längst dürfte es ganz allgemein auch als ein „Blue Chip“ angesehen werden, also als eine auch renditesichere Wertanlage – wie gegenwärtig im übrigen fast jedes Werk von Richter ganz gleich welcher Qualität. Es verhält sich schon anders mit den beiden Stoffbildern von Blinky Palermo, die im gleichen Raum zu sehen sind. Sie sind ganz ohne Zweifel meisterliche Hauptwerke des Künstlers. Als „Blue Chip“ werden sie hingegen nicht betrachtet und so finden sich also auch keine Werke dieses Künstlers auf den angesagten Hitlisten des Kunstmarktes.

Die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Lee Lozano oder die eines Steven Parrino wurden schon in ihrer Entstehungszeit als herausragende Beiträge zur zeitgenössischen Kunst erkannt. Doch konnte man ihre Werke noch bis vor kurzem für relativ wenig Geld erwerben und erst in allerjüngster Zeit avancieren sie zu heiß begehrten und entsprechend teuren Arbeiten auf dem internationalen Kunstmarkt. Diese wenigen Beispiele zeigen, dass es einem Museum, welches sich der zeitgenössischen Kunst verschrieben hat, beim Aufbau und der Erweiterung seiner Sammlung immer nur darum gehen sollte, ein qualitätsvolles und geistvolles – und damit hochwertiges – Werk eines Künstlers möglichst frühzeitig zu erwerben. Das wiederum setzt ein direktes Miterleben einer spezifischen Zeit mit ihren jeweiligen kreativen Äußerungen voraus.

Nur so lässt sich eine „Zeit“ und ihre Kunst im Kontext einer Museumssammlung nachhaltig erfahrbar machen. Sich allein durch aktuelle am Kunstmarkt notierte „Blue Chips“ verleiten zu lassen oder sogar den musealen Auftrag zur Herausbildung einer Sammlung als Blue–Chip–Mandat zu deuten, hieße, die Chancen eines Museums allzu leichtfertig zu verspielen. Die Kunstgeschichte richtet sich nicht nach den Präferenzen eines Marktes oder nach marktschreierischen Auktionsresultaten. Wenn die jetzige Sammlungspräsentation des MMK im Untertitel die Begriffe „Blue Chip“ und „Masterpiece“ anführt, möchte sie diese einerseits thematisieren, andererseits kritisch, durchaus auch selbstkritisch beleuchten und hinterfragen.

Dass die Sammlung Ricke Eingang ins Museum findet, ist für das MMK erst durch die partnerschaftlichen Bemühungen der Stadt Frankfurt, der Hessischen Kulturstiftung und einem privaten „Stifterkreis zum Erwerb der Sammlung Ricke“ möglich geworden. Als ein Museum für zeitgenössische Kunst, das zwischen Kunstmarkt und Kunstschaffenden einen gesellschaftspolitischen Dreh- und Angelpunkt einnimmt, bewahrt das MMK die erworbenen Werke dauerhaft und macht sie öffentlich zugänglich. Die Integration eines so umfangreichen Konvoluts neuer Arbeiten verändert nicht nur das Profil einer Sammlung. Darüber hinaus bieten Vielfalt und hohe Qualität immer neue Anknüpfungspunkte für die Präsentation. Der beständige Umgang mit der Sammlung heißt, mit seinem Kapital zu arbeiten und den daraus entstehenden Mehrwert zu schöpfen. 

 


Heute im MMK

  • Führung
  • Dayanita Singh
  • 15.15 Uhr

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